Textatelier
BLOG vom: 06.02.2015

Sensible Naturen: Wenn Angst den Körper erzittern lässt

Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
 
Nachdem ich im Blog vom 03.01.2015 (Visitenkarte: Worte, Gedanken aus dem Schüttelbecher) den Schutzgatter-Begriff erklärte, kann ich heute eine Schutzgatter-Geschichte erzählen.
 
Das Ereignis, von dem ich berichten will, liegt einige Monate zurück. Ich dachte öfters daran und spielte mit dem Gedanken, in einem Blog davon zu erzählen. Aber ohne die Zustimmung der Hauptperson, einer jungen Frau, überliess ich die Notizen nur dem Tagebuch.
 
Die jungen Leute, die in unserem Haus wohnen, kommen und gehen, wie es ihre Arbeit oder ihr Studium bestimmt. Die Bekanntschaft mit ihnen ist flüchtig.
 
Aber heute gab es unerwartet ein Wiedersehen. Wir trafen uns in der Eingangshalle. Sie kam aus der Waschküche aus dem Untergeschoss und ich durch die Haustür. Wir grüssten, blieben einen Augenblick stehen, beäugten uns. Sie erkannte mich nicht sofort, weil ich eine wollene Mütze trug. Spontan sprudelte aber aus mir die Frage heraus, ob sie jene Person sei, die von der Laube heruntergesprungen sei. Ja! Da erkannte sie mich wieder. Unsere gemeinsame Geschichte würden mittlerweile alle ihre Bekannten kennen. Ich könne mir nicht vorstellen, wie oft sie von der lieben, alten Frau erzähle, die ihr geholfen habe. Und ja! Selbstverständlich dürfe ich darüber schreiben.
 
An jenem Tag wollte sie erstmals in unserem Haus ihre Wäsche waschen. Sie hatte sich in der Liste eingetragen und bei einem Kontrollgang bemerkt, dass die Vorgängerin das Zeichen gesetzt hatte, die Maschine sei wieder frei. Diese Vorgängerin war ich. Da ich den Trocknungsaum und die Waschküche im Voraus gewischt hatte, konnte ich meine Wäsche nur aus der Maschine nehmen und sie zu mir auf den Balkon tragen. Schnell war ich wieder aus der Waschküche verschwunden.
 
Wir beide sahen uns nicht. Sie traf die Maschine leer an, füllte sie mit ihrer Wäsche und wollte sie in Betrieb setzen. Aus welchen Unstimmigkeiten es ihr nicht gelang, wissen wir nicht.
 
Sie brauchte Hilfe, entschloss sich, systematisch an den Wohnungstüren zu läuten, bis man ihr werde helfen können. Sie begann ihre Tournée auf dem Hochparterre und hätte mich angetroffen, wenn sie ihren vorgesehenen Weg nicht aufgegeben hätte. Sie hörte aber, wie die Tür zur Laube hinter ihr ins Schloss fiel. Sofort fühlte sie sich gefangen. Da wollte sie nur einen Ausweg finden und verschwinden. Sie hatte ihren privaten Schlüsselbund in der Waschküche auf dem Tisch liegen gelassen und ängstigte sich enorm, er könnte ihr gestohlen werden.
 
Was sie dann tat: Anstatt auf dem Laubengang an 2 Haustüren zu läuten – da hätte sie mich gleich getroffen –, wählte sie einen Sprung auf die Wiese. Die Laubenwand gab ihr fürs erste etwas Halt. Sie liess sich an ihr herunterfallen. Zitternd, aber unversehrt kam sie auf dem Erdboden an.
 
Jetzt befand sie sich im Freien, konnte aber nicht ins Haus zurückkehren. Unsere Haustüre ist immer abgeschlossen. Aber sie läutete intuitiv am richtigen Ort. Ihr stürmisches Läuten erreichte mich. Ich eilte hinaus, traf sie in einem erbärmlichen Zustand an. Sie zitterte. Noch nie habe ich einen Menschen so zittern gesehen – auch wenn ich weiss, was das Schutzgatter-Zittern ist. Ich versuchte, sie zu beruhigen, hielt sie am Arm, gab ihr Halt. Stossweise hörte ich, was abgelaufen sei. Zum Sprung sagte sie noch, wenn man jung sei, könne man sich einen solchen erlauben.
 
Ruhig gingen wir miteinander in die Waschküche hinunter. Der Schlüsselbund lag noch da. Ich konnte ihr zeigen, wie ich die Waschmaschine starte. Ohne Probleme gelang es auch diesmal. Der vorher empfundene Schreck zerstreute sich. Ruhe kehrte ein. Wir verabschiedeten uns, und ich stellte mir vor, dass wir uns immer wieder einmal im Treppenhaus begegnen würden. Monatelang kreuzten sich unsere Wege nicht mehr, obwohl sie immer noch im selben Haus wohnt.
 
Jetzt sprachen wir aber nochmals über unsere Geschichte, und ich hörte, welchen Beruf sie ausübt und dass sie noch ein Studium begonnen habe. Sie wundert sich, wie sie im Beruf Ruhe bewahren könne, wenn es darum gehe, andern Menschen Ängste abzunehmen. Mache sie aber selber Fehler, dann laste das schwer auf ihr. Diese Beschreibung passt auch auf mich.
 
 
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